Flandern Rundfahrt

Von Siggi Schörlin

Zwei Tage vor der grossen Tour machte ich auf einer Rundstrecke durch die flämischen Ardennen, bei Sonnenschein, aber mit stürmischem Wind meine ersten Erfahrungen mit dem berühmt berüchtigten Kopfsteinpflaster – den Kasseien – und den kurzen, aber sehr knackigen Steigungen – den Hellingen. Die Kopfsteinpflaster hatten mit dem, was bei uns bekannt ist, ausser dem Namen nicht viele Gemeinsamkeiten. Mit möglichst gleichmässiger, höherer Trittfrequenz und kraftvollen Pedalumdrehungen ging es relativ gut. Durch ein kurz wegrutschendes Hinterrad sollte man sich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen. In den steileren Passagen, bis 22%, ist es die grosse Kunst, das Hinterrad so zu belasten, dass es nicht durchdreht und gleichzeitig das Vorderrad zu belasten dass es nicht vom Boden abhebt.

Am Samstagmorgen um 05:00 Uhr ging es los. In Oudenaarde, dem Zielort luden wir die Velos in den Shuttle Bus ein, der uns nach Brügge, dem Startort brachte. Erste Regentropfen auf der Busfahrt verhiessen nichts Gutes für den kommenden Tag. In Brügge am Start traute ich meinen Augen nicht. Soweit das Auge reichte, nur Velofahrer, die sich ohne Hektik und Stress in die Startschlange stellten (es sollen 4000 Velofahrer gewesen sein, die die grosse Runde fuhren).

Bei Dunkelheit und Regen fuhren wir aus der Stadt hinaus. Gesittet und gemütlich rollten wir teils über Strassen, teils über Velowege die ersten Stunden dahin. Etliche Kilometer wie ein Band aus lauter Velofahrern. Nach 2 Stunden waren Hände und Füsse nass und ich begann zu frieren. Die ersten 90 Km verliefen ausser der Kälte, dem Regen und dem aufkommenden Wind ereignislos.

Dann wurde es spannender. Die ersten Hellinge tauchten auf und ich musste erschreckend feststellen dass meine Finger den Dienst versagten. Ich konnte die Schalthebel nicht mehr herumdrücken, musste absteigen und im Stand einen kleineren Gang einlegen. Später griff ich dann mit der einen Hand an die andere Seite um den Hebel umzulegen. Diese Technik funktionierte auch relativ gut, aber auf den Kopfsteinpflasterpassagen war dies in den Steigungen nicht möglich, weshalb ich immer sehr früh in einen kleinen Gang schaltete. Gegen Mittag wurde es etwas wärmer und der Regen hörte auf. Nun tauten meine Finger wieder auf und auch das Schalten funktionierte wieder. Ich konnte endlich wieder «befreit» Velofahren.

Es reihte sich eine Passage an der anderen. Das Kopfsteinpflaster schüttelte ordentlich am Velo und an meinen Knochen. Dass das Velo bei hoher Geschwindigkeit über das Pflaster «fliegt» kann ich nicht bestätigen. Gabel, Lenker und der gesamte hintere Teil des Velos verbiegen sich in alle Richtungen.

Fährt man wieder auf Asphalt, hat man das Gefühl, das Velo fährt alleine und wie auf Wolken. Bis auf den Koppenberg bin ich alles gefahren. Hier war es so rutschig wie auf Eis. Ich sah keinen der die Passage gefahren ist. Selbst oben auf der Ebene war es noch schwierig anzufahren, da die Räder nach allen Richtungen wegrutschten.

An den Hellingen war teils eine Volksfeststimmung, zum Teil sogar mit Musik und vielen anfeuernden Zuschauern an der Strecke. Während der ganzen Tour hörte ich kein einziges unfreundliches Wort und sah auch keinen Sturz. Die gesamte Strecke war hervorragend abgesichert und die Organisation verdient 5 Sterne. Waren doch 16'000 Leute am Start. Staus an den Hellingen habe ich aber nicht erlebt.

Nach 9,5 Stunden und 239 KM erreichte ich überglücklich das Ziel in Oudenaarde. Nun folgte der schönste Teil der Tour, eine heisse Dusche, eine grosse Portion Spaghetti, belgisches Bier und nur noch schlafen…

Geblieben sind mir ein wunderschönes Erlebnis, Stolz und Freude und immer noch taube, leicht schmerzhafte Fingerspitzen. Den Termin im nächsten Frühling werde ich mir wieder freihalten.