Rennbericht 3. Rennen MTB Clubmeisterschaft

Von Kai Amrhein

Drittes Rennen in der MTB Clubmeisterschaft 2017 des VC Riehen. Diesmal am geplanten Datum und bei guten, evtl. etwas schwülen äusseren Bedingungen. Das Teilnehmerfeld ist auf den ersten Blick etwas angewachsen gegenüber den vorangegangenen Rennen, insgesamt sieben entschlossene Herren und zwei kompetente Damen finden sich zum Start ein. Diesmal dominiert das Bisonni-Imperium, welches in der Herrenkonkurrenz mit zwei Startern (Marco und Mauro) und in der Damenwertung mit Mara vertreten ist. Ebenfalls mehrfach gemeldet hat Familie Amrhein, der Autor dieser Zeilen und sein gar liebreizendes Eheweib (Svenja und Kai). Auf sich allein gestellt: Luzi Humm und Andreas Zeller. Dazu noch Patrick Hetzel und Sven Schulzke, die aber fürs Mal nur als Zuschauer/Zeitnehmer dabei sind. Soviel zum Teilnehmerfeld – nun zur Rennstrecke: Die Runde um den Modellflugplatz Rührberg/Inzlingen ist der absolute Klassiker im Portfolio der VC Riehen MTB Gruppe: Auf 90% der Ausfahrten steht dieser Anstieg auf dem Programm. Meist fahren wir es so, dass man sich auf dem Parkplatz in Inzlingen (hier ist heute der Start) je nach Form, Lust und Laune entweder für den etwas direkteren Weg entscheiden kann und über die Teerstrasse zum Flugplatz kommt (das ist heute im Rennen der Anstieg). Oder aber – wem danach ist - man wählt den etwas längeren, anspruchsvolleren Weg über den Schotteranstieg, welcher heute, da diese beiden Optionen miteinander zu einem Rundkurs kombiniert werden, die Abfahrt darstellt. Die Runde hat ca. 85 Höhenmeter und darin als Maximum etwa 12-13% Steigung am steilsten Stück. Die männlichen Fahrer werden die Runde dreimal absolvieren, die Damen dürfen ihr Können auf zwei Runden demonstrieren.

Da dies jetzt schon das dritte Rennen der Serie ist sind nun bereits Erfahrungswerte hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Teilnehmer vorhanden. Bei den Damen sind Svenja und Mara bereits im Prolog Rennen aufeinandergetroffen. Damals, auf dem flachen, schnellen Kurs hat sich Mara recht deutlich durchsetzen können. Die Frage hier ist also, ob die Kräfteverhältnisse nun, bei einer Strecke mit nennenswerter Steigung, eventuell umkehren werden. Im Feld der Herren scheint die Ausgangslage klarer, hat aber Potential für Überraschungen: Nach zwei Siegen in den vorangegangenen Rennen ist der Autor dieses Berichtes sicherlich als Favorit einzuschätzen – allerdings hat er auch auf genau diesem Kurs hier im letzten Jahr eine Recht deutliche Niederlage gegen Andreas einstecken müssen. Und ob im Fall die anderen Teilnehmer noch in diesen zu erwartenden Zweikampf würden eingreifen können erfahrt Ihr nun in meinem „Live“-ticker:

Höhenprofil der Rennstrecke
T minus 20 sec
Also – es ist angerichtet. Gleich geht es los, aber wie macht man das heute? Ich habe mir zwei alternative Renn-Taktiken parat gelegt: Option 1 nennt sich „Cool bleiben und im Schlussstück alles klar machen“. Hier wäre die Kernidee, mich darauf zu verlassen, dass ich im leicht ansteigenden Schlussstück als guter Zeitfahrer wahrscheinlich die anderen Konkurrenten distanzieren können würde. Dabei müsste ich „nur“ zusammen mit allen eventuellen Konkurrenten in der dritten Runde ins Schlussstück kommen – und dann wirklich schneller sein. Eine etwas riskante Option, mit diesen beiden Voraussetzungen.
T minus 10 sec
Die zweite denkbare Renntaktik geht so: Als vermeintlich bester Zeitfahrer im Feld das Tempo von Anfang an so hoch halten, dass das Rennen für alle de facto zum Zeitfahren wird. Wegen des entweder an- oder absteigenden Profils der Strecke sollte es auch für Fahrergruppen kaum Möglichkeiten geben, gegenüber Einzelfahrern signifikant aufzuholen. Diese Taktik hat – anders als Option 1 oben – nur eine Voraussetzung: Ich muss halt schneller sein als alle andern. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, wird das Rennen zwar für mich und alle andern anstrengend, weil man sich nie wird verstecken oder mal Tempo wegnehmen können – es scheint mir aber die erfolgversprechendere Variante.
T minus 5 sec
Und damit geht’s gleich los. Ob taktische Option 1 oder 2 will ich situativ aus dem Renngeschehen heraus entscheiden – nach dem ersten Befahren des Anstieges werden die Karten bestimmt auf dem Tisch liegen, so dass ich mich entscheiden können werde.
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Start, kurzes Flachstück, dann hinein in die Anfahrt. Und siehe da… meine Entscheidung zur Taktik wird mir nahezu abgenommen: Marco prescht vom Start weg mit erheblichem Tempo los. Es geht also wohl eher in Richtung eines schnellen Rennens.
T plus 40 sec
In der Anfahrt. Ich habe Marco nicht ziehen lassen, bin gleich mit gegangen. Hinter uns beiden ist erst mal eine Lücke aufgegangen, aber Andreas hat sich schon dran gemacht, diese zuzufahren.
T plus 1:30 min
Übergang in den Anstieg. Marco immer noch voraus, Andi hat hinten aufgeschlossen. Es kommt mir so vor als ob Marco schon fast ein bisschen am Limit wäre.
T plus 2 min
Im Anstieg, jetzt im steilsten Stück. Ja – Marco wird im Verhältnis zu mir etwas langsamer.. und signalisiert deutlich, dass ich mal die Führung übernehmen soll. Also gut: Ich nutze das Steilstück dafür, an Ihm vorbei zu gehen. Und jetzt kommt‘s (Man kann halt beim Velo fahren in kurzer Zeit viel denken – das ist ja das tolle. Wenn Sie allerdings kein Interesse auf einen höchst subjektiven, bedenklich pseudo-wissenschaftlichen Exkurs haben: bitte im Abschnitt „t plus 4 min“ weiterlesen): Ich habe kürzlich das Buch „Schneller Radfahren“ von Hunter Allen gelesen, einem der Gurus des wattbasierten Trainings. Und war recht enttäuscht, darin nichts zu meinem Lieblingsthema - Fahren im Wiegetritt – gefunden zu haben. Ich war auch sonst enttäuscht – das Buch ist langatmig und wenig konkret… wer Lebenszeit verschwenden möchte kann es sich gerne bei mir ausleihen – ach was - geschenkt kann er es haben.. Es ist nämlich so: Ich als recht schwerer und kräftiger Fahrer glaube, in manchen Situationen im Wiegetritt eine höhere Effizienz zu haben als im Sitzen. Viele meiner Radfahr-Kollegen und einige Rennsituationen haben mir das bestätigt: Wenn ich aus dem Sattel gehe, dann werde ich bei gleichbleibender Intensität gesehen schneller. Sind bestimmte Voraussetzung erfüllt, kann man das so gestalten, dass die Anstrengung nicht steigt, notabene also den Puls nicht ansteigen lässt. Die Voraussetzungen sind: Erstens, der Belag der Strecke lässt es zu. Man braucht genug Traktion für die sehr hohe Kraft, die auf das Hinterrad wirkt, was beim Rennrad auf der Strasse kein Problem ist, beim MTB auf Schotter aber schon eines sein kann. Ausserdem muss sich die Steigung dafür eignen, etwa 8-9% scheinen dafür minndestens nötig zu sein. Sind diese Bedingungen gegeben, besteht die Methode darin, die Trittfrequenz deutlich zu reduzieren - bestimmt um 20%. Entsprechend muss man die Übersetzung vergrösseren - um mindestens 2 Gänge. Zu guter Letzt – das mag trivial klingen, ist aber der wesentliche Faktor – muss man das Fahrrad in einem recht erheblichen Winkel von etwa 20-30 Grad um die Mittelachse hin und her wiegen - wie der Name dieser Bewegung schon sagt. Durch einen so starken Winkel kommt man dazu, dass man auf der jeweiligen Seite (also z.B. links, wenn ich mit dem linken Bein auf dem höchsten Punkt bin) komplett von der Zugkraft des Armes profitieren kann. Durch die Benutzung von Lenkerhörnchen/ BarEnds kann man hier am MTB eine Griffposition ähnlich der am Rennrad an den Bremshebeln erreichen. Somit profitiert man dann durch das Heranziehen des Rades zur Mittelachse hin auch davon, dass der relative Weg, den das Bein vom höchsten zum tiefsten Punkt zurücklegen muss, deutlich reduziert werden kann – und damit vergleichsweise weniger Beinkraft benötigt. Zu guter Letzt kann man in dieser Bewegung auch noch einen grösseren Teil des (ggfs. hohen) Körpergewichts direkter über das Pedal bringen. Führt in Summe also zu dem Eingangs geschilderten Resultat: Höhere Effizienz bei geringerer Beanspruchung – oder, und so ist es jetzt und heute hier im Rennen: grösseres Tempo bei gleicher Beanspruchung. Viel Theorie – die Praxis ist: Obwohl ich die Belastung nicht in den Maximalbereich steigere, reicht es schon, um eine Lücke aufzureissen, die sich rasch vergrössert. Wem das schon zu viel Theorie war – der darf sich das Hunter Allen Buch NICHT bei mir abholen.
T plus 4 min
Am Ende des Anstieges. Ich drehe mich um (das darf man nur im Zielsprint nicht 😊 ). Die Lücke ist angewachsen, ich habe 100, vielleicht 150m Vorsprung. Vor Andreas – was dahinter kommt, kann ich schon nicht mehr sehen. Jetzt Übergang in die Abfahrt.
T plus 5 min
Die Abfahrt ist sehr schnell, hat aber gleich drei Kurven parat, die man nicht unterschätzen darf. Die Erste ist eine langgezogene Linkskurve, die sich zum Kurvenausgang hin verjüngt. Dazu kommt noch, dass die Strecke an dieser Stelle nach aussen geneigt und der Belag eher rutschig ist. Da muss man aufpassen – denn passenderweise steht im Scheitelpunkt der Kurve auch noch ein massiver Baum direkt am Rand. Als nächstes gibt es eine scharfe Rechtskurve in welcher der Boden immer leicht matschig ist (letztes Jahr ist hier jemand im Rennen gerade aus gefahren…die betroffene Person wollte sich aber nicht outen) und zuletzt dann eine sehr scharfe, stark abschüssige Linkskurve. Geht aber alles gut, und Ausgang der letzten Kurve erreiche ich mit fast 45km/h die höchste Geschwindigkeit auf der ganzen Strecke.
T plus 7 min
Ich erreiche das Schlussstück. Das ist anstrengend, es geht hier mit 2-3% Steigung über recht unangenehmen Schotter bergauf. Dafür ist die Strecke gerade, und man kann vielleicht 200m zurück schauen. Ganz am Ende dieser Distanz sehe ich einen orangenen Helm aufblitzen - mit einer un-aerodynamisch montierten Lupine Lampe. Die kann ich zwar nicht sehen auf diese Entfernung, aber ich weiss vom Start, dass sie da ist 😊: Andi ist also doch noch einigermassen in der Nähe.
T plus 9 min
Erste Zieldurchfahrt, hinein in die zweite Runde. Wie war doch noch meine Taktik? Einfach ein Zeitfahren aus dem Rennen machen. Also… dann mal los.
T plus 18 min
Anfahrt, Anstieg, Abfahrt der zweiten Runde sind absolviert. Mit zeitfahr-mässigem Maximal-Tempo. Das tut weh – führt aber dazu, dass ich jetzt auch an den Stellen, wo man weit zurück gucken kann, niemanden mehr sehe. Später am Abend werde ich bei Strava sehen, dass die zweite Runde die schnellste des Rennens gewesen sein wird – 4 Sekunden schneller als die Erste und 14 Sekunden schneller als die Letzte: Zeitfahrer halt.
T plus 25 min
Die letzte Runde ist fast geschafft. Der Anstieg bereits absolviert. Andere Fahrer habe ich keine mehr gesehen. Wie es wohl den Damen geht? In meiner kühnsten Phantasie hatte ich mir ausgemalt, dass ich sie vielleicht auf der letzten Runde einholen könnte – aber daraus wird nix, die Mädels wissen auch wie‘s geht, sind nicht nur schön sondern auch schnell. Werfe mich in die Abfahrt, dank dem erheblichen Vorsprung den ich haben müsste, muss ich aber nicht mehr volles Risiko nehmen.
T plus 29 min
Zieleinfahrt. Ende. Erster. Taktik aufgegangen. He – warum sitzen da zwei völlig tiefenentspannte Damen auf der Wiese rum und sehen so frisch aus, als ob sie gerade nichts anstrengenderes getan hätten, als Fussnägel zu lackieren – wie machen die Mädels das?

Rangliste und Aktuelles Gesamtklassement
Strava Segment
Strava Aktivität des Autors