Rennbericht „Black Forest Ultra Bike Marathon“ 18.06.2017, Kirchzarten (D)

Von Andreas Zeller

(für eilige Leser gibt es eine Kurzzusammenfassung am Ende des Texts)

Eigentlich wollte ich am Bergzeitfahren auf den Gempen teilnehmen, aber Sven hat mich 2 Wochen vor dem Start überzeugt dass der grösste MTB-Marathon Europas seinen eigenen Reiz hat und der Gempen ein Jahr warten kann. Vielleicht sind ja bis in 14 Tagen sogar die neue VCR-Trikots angekommen? Daniel Burckhardt hat sich angemeldet, Marco und Marc überlegen sich ebenfalls ob sie teilnehmen sollen.

Zwei Tage vor dem Start ist klar: das Wetter wird – im Gegensatz zu den letzten beiden Austragungen des Rennens – warm und sonnig. Bei meiner angepeilten Zeit von 4.5h fragt sich nur: Flasche oder Trinkrucksack? Mein Rad hat leider keinen zweiten Bidonhalter und das Auffüllen in der Hektik der Verpflegungsstationen stelle ich mir chaotisch vor. Also auf den schweren und unbequemen Camelbak ausweichen? Andererseits gibt es nichts Schlimmeres als Durst und ich beschliesse, auf Nummer Sicher zu gehen...

Sonntag, 04:30 Uhr: ich bin schon vor dem Klingeln des Weckers wach, versuche wegen der schlafenden Familie leise zu sein und stopfe Müsli, Zopf und Obst in mich rein. Kurz nach 5 Uhr dann Verladen der Räder bei Sven und los geht es durchs Wiesental Richtung KiZa. Unterwegs gabeln wir noch Svens Bruder Dirk auf. Sven gibt ein paar wertvolle Renntipps, hoffentlich kann ich mir alles merken.

06:30 Uhr: der Parkplatz ist schon zu einem Drittel gefüllt, um uns herum viele konzentrierte Gesichter – die Biker nehmen das Rennen offensichtlich sehr ernst. Daniel hat kurzfristig abgesagt, Marco kommt vorbei und muss leider ebenfalls wegen Verdauungsbeschwerden Forfait geben. Aber er wird Sven, dem besten VCR-Pferd im Stall, unterwegs eine Flasche reichen. Top-Rennservice!

07:30 Uhr: wir wünschen uns gegenseitig viel Glück und verteilen uns nach einem leichten Warmfahren auf die verschiedenen Startblöcke. Ich treffe auf Daniel, einen Freund vom RSV Haltingen und wir scherzen ein bisschen (wahrscheinlich um die Nervosität vor dem ersten „grossen“ MTB-Rennen zu überspielen) während um uns herum die meisten Leute fokussieren und ernste Gesichter machen.

08:45 Uhr: der drittletzte Startblock wird heruntergezählt und es geht für mich los. Was hat Sven gesagt? Am Anfang nicht überdrehen? Ich habe den Eindruck dass ich viel zu viel Gas gebe...doch schon nach 5 Minuten überholt mich Daniel auf seinem Gravelcrosser. Das völlig ungefederte Velo mit schmalem Rennlenker ist der Exot in diesem Rennen (wie man auch an den ungläubigen Blicken der Konkurrenten sehen kann). Ich halte mich an Svens Tipp und gehe im ersten Anstieg mein eigenes Tempo, kann dabei viele Fahrer überholen. Auf den Flachetappen soll ich mich als Bergziege an die Rouleure mit den dicken Schenkeln hängen – das ist aber gar nicht so einfach wenn keine in Sicht sind! Nach anderthalb Stunden mit einigen giftigen Zwischensteigungen kommt die erste Verpflegungsstation in Hinterzarten. Hefezopf kann unglaublich trocken sein...

Daniel auf seinem Gravelcrosser

Auf dem Weg nach Titisee merke ich dass ich mir (abgewandelt nach Jürgen Löhles „Brägel“) zwei Parasiten der Forstautobahn eingefangen habe: Hinterradlutscher! und dann auch noch Thurgauer Dialekt... Anscheinend haben sie den gleichen Plan wie ich, nur dass eben meine Schenkel nicht dick sind. Bald sind wir eine Zweckgemeinschaft, aber der belgische Kreisel auf den schmalen Trails ist nicht ganz so einfach wie auf der Landstrasse. In der Nähe von Bärental gibt es ein paar knackig-holprige Downhills und ich bin froh über mein vollgefedertes Rad mit dem ich bergab Tempo machen kann. Nach der zweiten Verpflegungsstelle geht es mit fast 80 km/h auf Teer bergab nur um anschliessend alles wieder – deutlich langsamer – hochzukurbeln. Meine geniale Idee, die Energygels mit Tape ans Oberrohr fest zu machen erweist sich als nicht so clever, da sie mittlerweile in eine Mischung aus herabtropfendem Schweiss und rotem Staub gehüllt sind: Geschmacksnote „Schwarzwaldsalz“. Auch der Herzfrequenz-Gurt hat sich von der Hühnerbrust verabschiedet und baumelt auf Bauchnabelhöhe – ob die angezeigten Werte wohl noch korrekt sind? Andererseits kann ich nach knapp 3 Stunden noch erstaunlich Druck auf die Pedale bringen und fühle mich halbwegs fit.

Unmittelbar nach der letzten Verpflegungsstation Stollenbach dann ein 200 m langer Stich auf Schotter mit gefühlten 25% Steigung. Das Publikum ist hier besonders frenetisch, viele lesen den Namen von der Startnummer ab und feuern „persönlich“ an – was aber dazu führt dass ich das Tempo zu sehr steigere und oben ein paar Minuten brauche um wieder Kraft zu haben. Die Abfahrt nach Oberried hat es in sich, ich muss an Daniel denken der auf seinem „Rennrad mit Stollenreifen“ hier bestimmt Probleme haben wird.

Mittagszeit, Oberried: der letzte Anstieg auf Teer beginnt. Leider beginnen auch schlagartig Krämpfe in Oberschenkeln und Waden, jetzt bloss nichts verkehrt machen. Kleinster Gang, den Schmerz rauskurbeln, viel trinken. Hoffentlich muss ich so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben. Ein kleines Kind sagt „schau mal Mama, der Mann ist aber dreckig“. Die Sonne knallt herunter. Nach 3 endlosen Minuten sind die Krämpfe weg und ich kann wieder Gas geben. Der Höhenmesser zeigt gefahrene 2100 vertikale Meter an, obwohl doch das Rennen nur mit 2050 ausgeschrieben ist...wann hört das hier endlich auf?

Die letzte Abfahrt: einige Hobbyfahrer wollen es wissen und gehen volles Risiko, ich lasse sie ziehen. Auf der Schlussrunde im Stadion spüre ich wieder das Zucken dass die Krämpfe ankündigt – schneller wäre wohl nicht drin gewesen.

Zieldurchfahrt nach 3h 53min, auf dem Bild sieht man die Erleichterung. Keine Defekte, keine Stürze, unter 4h geblieben – ich bin zufrieden. Ein perfekt organisiertes Rennen mit sehr gut ausgeschilderter Panoramastrecke und tollen Helfern.

Zieldurchfahrt nach 3h 53min

Sven hat leider Pech gehabt und musste schon nach der Hälfte des Rennens aufgeben, die neue Sitzposition war zu ungewohnt. Den Gesamtsieg (2h 50min) holt ein 22jähriger, während Thomas „Wino“ Dufner das Rennen in Fausto-Coppi-Manier angeht: Morgens von Waldkirch nach Kirchzarten warmfahren, die Altersklasse in 3h07min auf einem antiken 26-Zoll Bike gewinnen und anschliessend nach Zürich heimradeln – Respekt!

Kurzzusammenfassung: „Schee gwää, halbe hee gwää...“