Rennbericht BZF Grellingen – Gempenturm 22.08.2017

Von Kai Amrhein

Link zum Strava Segment
Link zur Strava Aktivität des Berichterstatters

Vorletztes Rennen in der Rennrad Clubmeisterschaft 2017 des VC Riehen, welche ja bekanntlich gemeinsam mit dem VC Peloton und dem RSV Rheinfelden ausgetragen wird. Auf dem Programm diesmal: Ein richtig langes, giftiges Bergzeitfahren, von Grellingen auf den Gempenturm hinauf, 24km Strecke und ca. 450 Höhenmeter. Und auch wenn ich mir in der MTB Gruppe damit ein bisschen Spott zugezogen habe: Ich nehme das ernst, obwohl es um nicht viel geht. Aber wenn ich schon da antrete, dann will ich auch so gut wie möglich abliefern, im Rahmen der Möglichkeiten. Entsprechend fällt also die Rennvorbereitung aus: Die wichtigste Massnahme besteht darin, irgendwie auf Strava die Strecke es heutigen Rennens in eine Form zu bekommen, die es erlaubt, als Navigationsgrundlage verwendet zu werden: Mir unvergessen mein Auftritt bei einem VC Riehen Zeitfahren vor 3 oder 4 Jahren bei Fischingen, wo ich mich auf einer 12 km Strecke zwei Mal verfahren habe: Bei Puls 180 sind meine Navigationsfähigkeiten – sagen wir mal, eingeschränkt.

Das Höhenprofil der Strecke

Es dauert ungefähr doppelt so lange, wie das eigentliche Rennen dann später, aus der Strava Aktivität eines VC Peloton Kollegen die Strecke herauszubekommen – aber immerhin ist damit sichergestellt dass ich mich nicht verfahren werde. Zweitwichtigste Vorbereitung: Ein ausgiebiges 60-Minuten Bad in basischer Entspannungslösung nach P. Jentschura: Die Beine sind schwer, nur zwei Tage nach der epischen VC Riehen MTB Gruppentour im Pfälzerwald, wo wir über 150km und 3500 Höhenmeter auf fantastischen Trails absolviert haben, teilweise in ansprechendem Tempo 😊 (Siehe z.B. hier, https://www.strava.com/activities/1143449550 mit besonderer Beachtung auf das – völlig zurecht so bezeichnete - Segment „ewiger Weg“: Für einen solchen Trail alleine wäre ein Umzug in den Pfälzer Wald schon fast lohnend). Und zu guter Letzt noch: Dinkelnudeln alla Bolognese, für die nötige Energie. Allerdings erweisen sich die äusseren Bedingungen als anspruchsvoll, und zwar schon in riehen: Bei über 30 Grad verlasse ich das Haus, um zum Unispital zu radeln, wo für 18:00 Uhr der Treffpunkt vereinbart ist. Schon der erste Schritt vor die Tür fühlt sich an als würde man in eine Gummiwand springen. Vorher habe ich in meinem wohltemperierten Fahrradkeller noch eine schwere Luxus-Entscheidung zu treffen: Renn- oder Zeitfahrrad? Das bessere Rollvermögen, der geringere Luftwiderstand, die daraus resultierende immense Endgeschwindigkeit und die enorme Spurtreue sprechen für das Zeitfahrrad – die bessere Kraftübertragung, die Möglichkeit, länger im Wiegetritt zu fahren, das geringere Gewicht und die unglaubliche Dynamik sprechen für das Rennrad – schwer zu sagen, was da die bessere Wahl ist. Ich entscheide mich für das Zeitfahrrad: Immerhin bin ich damit beim Schluchseetriathlon 40km und 700 Höhenmeter fast in einem 30er Schnitt gefahren, da sollten doch 450 heute auch gehen und es gibt sogar noch eine Abfahrt unterwegs.

Zu einem übersichtlichen Vergnügen allerdings wird so die Anfahrt nach Grellingen durch den städtischen Feierabendverkehr: Auf dem Zeitfahrrad liegt man so tief, dass man den Verkehr nur schwer im Auge halten kann.. und dazu sind die Bremsen auch noch weit weg. Das wiederum macht aber nichts aus, weil…die funktionieren eh nicht so toll – das Rad ist nicht zum Bremsen gemacht. Mit der gebotenen Vorsicht also mache ich mich als letzter von 5 oder 6 Fahrern in der Gruppe ab Unispital auf den Weg. Unterwegs stossen weitere Fahrer dazu, und schliesslich treffen wir im Ort Grellingen, ca. 1km vom Startpunkt des Rennens entfernt, auf eine zweite grössere Gruppe, so dass sich ca. 20 Fahrer zum Start einfinden. Und da sehe ich, dass ich mit meiner Materialwahl recht einsam dastehe: Ich bin der Einzige, der ein Zeitfahrrad verwenden wird. Na Prima. Auch sonst passe ich optisch nicht perfekt zur Gruppe, oder sagen wir mal so: Meine Gewichtsklasse werde ich definitiv für mich entscheiden. Mehr als 10% Körperfett finden die anderen wohl eher doof. Na Prima Prima. Aber jetzt wollen wir mal nicht jammern, denke ich mir, viel Gewicht bedeutet ja hoffentlich auch viel Kraft.

Vom VC Riehen ist Sven Oser mit am Start, das freut mich gleich in doppelter Hinsicht, denn erstens bin ich somit nicht der einzige in einem Pulk von Peloton Leuten, und ausserdem hatten wir uns schon beim aller ersten Rennen (einem sehr kurzen, sehr steilen 5km Bergzeitfahren) ein interessantes VC Riehen-internes Duell geliefert, welches ich damals um ich glaube 6 Sekunden für mich entscheiden konnte. Für Spannung wäre also auch heute wieder gesorgt.

Sven startet früh, als zweiter oder dritter Fahrer, ich selbst als siebter, nur 2 Plätze (und damit 2 Minuten) vor David Henz, dem damaligen Sieger des oben erwähnten ersten Bergzeitfahrens (Der dort irgendwie mehr als eine Minute vor allen anderen war… also ein ganz schneller Vertreter).

t minus 20 sec
Ich stehe an der Startlinie und hyperventiliere ein bisschen… damit habe ich immer gute Erfahrungen gemacht. Ansonsten bin ich recht ruhig: Zeitfahren liegen mir, ich kann meinen eigenen Rhythmus fahren, muss keine Rücksicht auf die anderen nehmen.. und kann eigentlich auch 45 Minuten lang gut die Zähne zusammen beissen.
0
Start. Und gleich das erste Hinderniss… der Einstieg in das Look Pedal. Ich habe diese Saison auf den Strassenrädern dann doch schlussendlich auf Look umgestellt, nachdem ich lange Shimano’s SPD Mountainbike System verwendet habe. Sieht aber am Rennrad echt doof aus. Nur dass sich die Einstiegsbewegung minimal unterscheidet… Und ich fummele erst mal 5 Sekunden mit dem Pedal rum.
T plus 40 sec
Auf der Strecke, bei ca. 25 km/h. Es geht gleich den Berg hinauf, und das auf ein psychologisch tückische Art, weil es ist steil aber man sieht es nicht. Ich muss schon arbeiten nur um die 25 km/h hinzukriegen, der Puls ist zu hoch… Also ganz minimal nachlassen, damit er sich fangen kann.
T plus 5:00 min
Es geht die ganze Zeit stetig nach oben, vielleicht mit 5-6%, gelegentlich mal ein bisschen mehr. Winklig durch die Landschaft: Schön aber anstrengend. Habe mich etwas beruhigt, und komme einem sinnvollen Rhythmus näher.
T plus 15:00 min
In Nunningen. Fühle mich nicht wirklich schnell; kenne den genauen Streckenverlauf nicht wirklich: Wann ist die erste Steigung zu Ende, wann kann ich ein bisschen ausruhen? Auf der Strecke vor mir sehe ich den Fahrer, der vor mir gestartet ist… aber ich glaube, dass der Abstand von 60 Sekunden noch recht stabil ist, dürfte eigentlich nicht näher gekommen sein. Und dann… der Anstieg aus dem Dorf heraus, eine rechte Rampe… Und passend dazu zieht jetzt auch (schon) der Kollege Henz (2 min nach mir gestartet) vorbei…
T plus 17:30 min
Aha, endlich kommt die Abfahrt. Meine Beine freut es… mich kurz darauf etwas weniger: Ein Automobil von leicht fortgeschrittenem Baujahr hat sich ganz knapp vor mir in die Abfahrt nach Seewen hinein begeben. Und weil der geneigte Automobilist vor, in und nach jeder Kurve die Betätigung der Bremseinrichtung als angebracht erachtet… Hat sich hinter dem ersten Auto bereits eine kleine Schlange von 3-4 Fahrzeugen versammelt, dahinter ich. Die Ortsdurchfahrt ist kurvig und es hat ständig Gegenverkehr… das Tempo bricht wiederholt auf unter 30 km/h zusammen… Rennpech! Erst Ausgang Seewen kann ich die gesamte Kolonne überholen, was aber freilich trotzdem auf dem nicht sehr agilen Zeitfahrrad ein riskantes Manöver darstellt. Ich bekunde dem bremsfreudigen Automobil-Lenker meine tiefempfundene Verehrung in lauten Tönen.
T plus 27:00 min
Nach Seewen geht es rechts hinein in den Anstieg nach Hochwald. Gut für mich, diesen Streckenabschnitt und den Rest der Strecke kenne ich zumindest aus eigener Erfahrung. Knapp hundert Höhenmeter hoch nach Hochwald, mit gutem Bick nach vorne: Ich kann 3, 4 Fahrer nicht allzu weit vor mir ausmachen… aber die Abstände werden nicht kleiner… und wusch…schon werde ich von hinten überholt… Suppi.
T plus 34:00 min
Durch Hochwald durch, recht flach, die Geschwindigkeit steigt wieder ein bisschen, aber nur vorläufig: Aus Hochwald raus Richtung Gempen.. es zieht sich.
T plus 40:00 min
In Gempen Dorf. So schnell als möglich um die Kurven und hinein ins Vergnügen, den finalen Anstieg zum Turm mit knapp 100 Höhenmetern und durchschnittlich 8% Steigung. Maximal dürften es aber bis zu 12, 13% Steigung sein, und die tun schon ein bisschen weh auf dem schlechten Asphalt.
T plus 47:08 min
Zieldurchfahrt, so wie es sich gehört ohne Restluft. Meine 47Minuten hätten mir bis gestern noch den dritten Gesamtrang bei Strava auf diesem Abschnitt eingebracht… heute aber nicht mehr…

Meine Zeit reicht für Platz 11 von 15 in einem Feld, welches eine Zweiklassengesellschaft darstellt: Es gab drei Fahrer, die innerhalb von 40 Sekunden, aber mit fast 4 Minuten Vorsprung das Rennen unter sich ausmachten (Zeiten von 41:06 bis 41:42), dahinter alle anderen (Platz 4 bis 12) in einem 2 Minuten Band (45:15 bis 47:23). Der VC Peloton dominiert einmal mehr, stellt sowohl den Gesamtsieger (Jean Martin Wiederseiner) als auch 8 Fahrer in den Top 10. Das VC Riehen interne Duell geht heute an Sven, er ist 21 Sekunden schneller als ich (46:47 und Gesamtrang 9): Chapeau und herzlichen Glückwunsch!