Tour de France Ambiance

Von Kurt Kaiser

Die TdF kommt in die Region von Belfort, Ankunft auf Plancher des Belles Filles, am Ende einer 6 km langen Steigung. Im Aufstieg erwartet man den ersten Grosskampf der Favoriten. Belfort weniger als eine Auto-Fahrstunde von Basel entfernt. Auf eine Gruppen-Whats app-Mitteilung meldet sich immerhin ein weiterer Interessierter (Hansjörg). Mittwochmorgen, 9 Uhr fahren wir in Basel, mit dem Auto, los. Wir wollen rechtzeitig an der Rennstrecke sein, denn diese wird 3 Stunden vorher gesperrt. Die Räder im Auto verladen, denn schliesslich wollen wir doch auch zum Velofahren kommen. Mit dem Rad ist wohl ein durchkommen zur Strecke leichter zu bewältigen, als mit Auto.

Ausserhalb Belfort, in Valdoie, stellen wir das Auto ab. Mit dem Velo fahren wir in Richtung Plancher-les-Mines, am Fusse der Schlusssteigung. Die Gegend wunderbar und abwechslungsreich. Allerdings ist der Schreiberling etwas vom vielen Auf und Ab überrascht. Etwas flacher hat er sich die Anfahrt vorgestellt. Rennvelofahrer kommen aus allen Richtungen und fahren alle in gleicher Richtung weiter. Auffallend die Freundlichkeit. Beim Überholt werden, hört man regelmässig. ‚Bonjour‘, bonne journée‘ oder ‚bonne route‘. Vor Plancher-Bas ein riesiger Parkplatz, auf dem Feld, für Autos. Von hier werden die TdF-Enthusiasten mit Autobussen, im Pendelverkehr, zum Zielort ‚La Planche des belles filles‘ hoch gekarrt. Viele Leute sind auch zu Fuss in Richtung Berg unterwegs. Ob sie die ‚belles filles‘ zu Gesicht bekommen?

Wir kommen am Fusse der Steigung in Planches-les-Mines, an. An der Kreuzung, wo die Fahrer von einer vorangehenden Steigung herunter ‚gepfeilt‘ kommen, steht eine improvisierte Festhütte. Wir haben Zeit und beschliessen, eine Erfrischungstrink zu genehmigen. Der lokale Fussballclub betreibt den Getränke- und Grillstand. Eine Gebühr oder Franchise müssen sie nicht bezahlen. Das überrascht doch, dass der Betrieb ohne Abgabe an die TdF-Organisatoren geführt werden kann. Vor 3-4 Jahren war die TdF am selbigen Ort, man hätte ca. € 2500.- Reingewinn gemacht. Immerhin ein netter Zustupf in die Kasse. Der Menschenstrom per Bus, Velo, zu Fuss, wird immer dichter. Schier unglaublich!

Fahren wir in die Steigung zum Zielort. Eher nicht, der Menschenauflauf dürfte enorm sein. Wie kommt man da nach dem Rennen wieder weg? Zur Anhöhe der vorangehenden Steigung sollen es etwa 4 km sein. Wir beschliessen nach La Chevestraye hoch zu fahren. Eine sehr schöne kurvenreiche Waldstrecke, angenehm zu fahren. Schon einige Leute sind bereits vor Ort. Die Wohnmobile entlang der Strasse in Position und die Zuschauer machen es sich gemütlich, die Picnic-Decken ausgebreitet oder Tische und Stühle aufgestellt. Unter einem Nussbaum, der angenehmer Schatten spendet, setzen wir uns hin, mit guter Übersicht auf die darunter liegende Strasse. Am Nussbaum keine Ansätze für Nüsse zu sehen. Der Frost dürfte auch hier ganze Arbeit geleistet haben.

Da sitzen und liegen wir. Was macht man in der noch verbleibenden Zeit, bis zur Durchfahrt der TdF? Wir amüsieren uns mit kritisieren der vorbeifahrenden Gümmeler. Schwarze Socken, abscheulich. Eine Sitzposition wie auf einem Nachthafen. Der Rahmen viel zu klein. Eine Gruppe in grellen Trikots, wie Kanarienvögel. Geringelte oder gemusterte graue Socken. Ein abscheuliches Trikot. Doch zugegebenermassen, auch RadfahrerInnen die elegant und mit rundem Tritt den Berg hochgefahren kommen. Am Strassenrand, unter uns, ein Vater mit seiner Tochter, ihr Rücken schon krebsrot. Wir machen sie darauf aufmerksam. Man bleibt in der Sonne stehen und sucht keinen Schattenplatz auf. Unverständlich! Etwas später wird eine Sonnenschutzcrème von uns dankend angenommen.

Weiter unten sieht man Radfahrer noch im Sattel sitzend, doch nach der Kurve kommen sie alle zu Fuss. In der Kurve steht offenbar ein übereifriger Funktionär oder ‚agent de police‘ und zwingt sie zum Absteigen. Unbegreiflich, denn es geht noch über 2 Stunden bis zum grossen Moment. Wir hätten wohl die Zeit auch besser mit einer Velofahrt, in der wunderbaren Gegend, verbringen können. Eine Gelegenheit verpasst.

Polizeimotorräder mit Blaulicht und Sirene künden die Anfahrt des Reklametrosses an. Die Zuschauer haben sich schon einige Zeit vorher in Position gebracht. Die Wohnmobilbesitzer postieren sich links und rechts des Vehikels und markieren entsprechend ihr Territorium. Die Sonnenschirme werden umfunktioniert und umgekehrt, offen, am Strassenrand hingelegt. Sie sollen als Auffangbehälter für die ‚fliegenden‘ Reklameartikel dienen. Mit entsprechendem Lärm und Lautsprechern, mit Musik und kaum verstehbaren Reklameslogans und –gebrüll braust der Reklametross heran. Fast wie an der Fasnacht betteln die Zuschauer für eine ‚Gabe‘. Was wird da aus der Wagenkolonne an den Strassenrand geworfen? Sonnenblenden, Mützen, Kugelschreiber, Schleckereinen, usw. usw. Ein Grossteil wird früher oder später wohl im Müll entsorgt. Kaum zu glauben wie sich die Leute benehmen und insbesondere auch die ‚Alten‘. Bei Kindern hätte man ja noch etwas Verständnis. Viele der Wohnwagenbesitzer, von D, F, B, NL, DK etc., werden nach dem Rennen dislozieren und sich an der Strecke der nächsten Etappe wieder positionieren und erneut versuchen Reklameartikel zu erhaschen. Weil wir über der Strasse stehen, auf einem Wiesenbord, kommen wir nicht in den Genuss von diesen ‚Give aways‘. Macht auch nichts.

Überraschend ist, dass auf der Anhöhe des ‚Pässchens‘ kein Getränkestand betrieben wird. Man hätte gutes Geld verdienen können, denn es ist richtig heiss geworden.

Hubschrauber-Lärm, dort, im Talkessel der Hubschrauber, sie kommen! Endlich! Endlich bekommt man auch Information. Aus meiner Sicht ein Schwachpunkt in der Zuschauer-Dienstleistung, es sei denn, man hat einen Radioempfänger am Ohr. Es soll eine Fünfergruppe mit 2:45 Vorsprung sein, darunter auch Vöckler. Die Franzosen sind begeistert. Ich eigentlich weniger. Mit seiner Fahrweise und noch weniger mit seinem Fahrstil löst er bei mir keine Begeisterung aus. In den ersten Etappen immer am Schluss des Feldes. Vielleicht gewollt? Jedenfalls wird er mehr ins TV-Bild gerückt, als wenn er mitten im ‚Kuchen‘ fahren würde. Auf unserem Pässchen ist die Gruppe aufgesplittert. In Front Bakelants. Vöckler etwas distanziert, im Wiegetritt, stark gezeichnet. Bald braust auch das grosse Feld heran. Vorne machen die BMC-Fahrer Tempo. Das Schicksal der Spitzenfahrer wird im Aufstieg zweifelsohne besiegelt werden. Danach folgen noch ein paar Fahrergrüppchen, darunter auch Stefan Küng. Das Leiden steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er wird sich als Tempobolzer für sein Team aufgeopfert haben. Das harte Los der Teamfahrer. Kurz danach ‚der Besenwagen. Wir können zusammenpacken. Die Abfahrt hinunter ins Tal können wir fast ungestört . in schönem Tempo , geniessen. Unten kehren wir nochmals für eine wohlverdiente Erfrischung in die Gelegenheitsbeiz des Fussballclubs ein. Im Radio wird der Schluss der Etappe lauthals übertragen. So bekommen auch wir live mit, dass Aru die Etappe mit Vorsprung gewinnt. Von der anderen Talseite kommen Scharen von Fussgänger und insbesondere Radfahrern das Tal hinab. Dort ein Fahrer im VCR-Flammentrikot, rot/schwarz. Zum Rufen ist es zu spät. Auf die Art der Fahrweise und Sitzposition würde ich auf Sven Oser tippen. Ob er es wohl war?

Im Getümmel machen wir uns auf den Rückweg, zwischen Fussgänger, Radfahrer und Autos. Wir nehmen eine Wegbiegung nach links. Hansjörg meint, wir sind richtig. Ich meine zu früh abgebogen. Was soll’s . Wir fahren Richtung Auxelles-Bas/Giromagny. Ein langer angenehmer Anstieg, weg vom allgemeinen Zuschauerstrom. Im Anstieg fahren einige Rennvelo-Fahrer an uns vorbei. Ja, so ist es halt, man muss dies lernen zu akzeptieren. Die Jahresringe drücken auf die Schulter und die Geschwindigkeit. Vielleicht sehen wir dadurch etwas mehr von der sehr schönen Landschaft. Vom Hochplateau geht es nun mehrheitlich hinunter Richtung Belfort resp. Valdoie. Bis wir unser Auto finden, machen wir noch ein paar Zusatzschlaufen…

Lohnt sich dieser stundenlange Aufwand? Es dürfte wohl die letzte TdF gewesen sein. Am Fernsehen bekommt man viel mehr mit. Kann ich widerstehen, wenn die TdF doch wieder in die Region kommt? Macht das die Faszination Tour de France aus? Die Leute sind doch verrückt und ich vermutlich genau so.